Amelungsborn (red). Die Eisenbildhauerin Hilke Leu bringt ein Material, das für Härte und Gewicht steht, zum Schreiten und Innehalten. In der Klosterkirche Amelungsborn lebt und arbeitet sie vier Wochen als Artist-in-Residence – als Künstlerin auf Zeit. Dort begegnen ihre Pilger einem Schwarm aus Papier, dem wechselnden Licht und einem Tod, der nicht droht, sondern mitgeht.
Ein Schwarm aus Papier und Figuren aus Stahl
Hilke Leu steht auf der Leiter hinter dem Altar und befestigt einen weißen Vogel aus Papier. Dann steigt sie hinunter, prüft den Schwarm, nimmt den nächsten und klettert wieder hinauf. So wächst eine Wolke aus 750 gefalteten Staren in den Kirchenraum, dahinter leuchten die bunten Fenster.
Wer sich vom Vogelschwarm abwendet und nach links ins Seitenschiff geht, trifft dort auf andere Reisende. Sie sind kaum größer als zwei Handflächen, jede aus Stahl geschmiedet. Einer schreitet mit einem Stab voran, einer liegt erschöpft auf kantigem Holz, ein anderer steht auf einer schiffsähnlichen Baumrinde. Die Figuren erinnern an einen Kreuzweg, doch sie erzählen vom Unterwegssein: von Müdigkeit und Voranschreiten, Schutz und Einsamkeit, Begegnung und Abschied.
Vom Gehen, Ankommen und Weiterziehen
Bei einer Figur geht sogar der Tod mit. Nicht als Bedrohung, sondern an der Seite des Wandernden, den Arm beinahe beschützend um ihn gelegt.
„Unterwegs.Sein“ nennt Leu das Thema. Der Punkt hält das Sprechen kurz an, trennt Gehen und Sein und verbindet beides. „Unterwegs.Sein heißt für mich, im Hier und Jetzt zu sein“, sagt sie. Fast hätte sie geschrieben: „Ich gehe, also bin ich.“ Dann lacht sie.
Vor ihrem 60. Geburtstag beschloss Leu, nicht zu feiern, sondern loszugehen. Sie begann am Darß an der Ostsee und wanderte bis nach Straßburg. Landschaften und Begegnungen wechselten, wichtig wurde das Gleichmaß des Gehens. „Das hatte auch etwas von Meditation“, sagt sie. „Im Gehen begegnet uns doch ganz viel.“ Ihre Pilgerfiguren verdichten das Erlebte zu Haltungen: gebeugter Rücken, ausgestrecktes Bein, Hand am Stab.
Die Muschel als Zeichen der Pilgerschaft
An der Wand hängt die Zeichnung einer Jakobsmuschel. Sie erzählt von einer anderen Wanderung: Eigentlich wollte Leu vor einigen Jahren den Jakobsweg gehen, entschied sich dann aber für den portugiesischen Fischerweg. Gleich zu Beginn fand sie eine Muschel. „Damit begann dann doch offensichtlich mein Jakobsweg“, erzählt sie.
Zunächst hing die Muschel an ihrem Rucksack. Später befestigte Leu sie am Wanderstab. Von da an war sie als Pilgerin zu erkennen. Sie wurde anders angesprochen – und hörte selbst anders zu. Fremde öffneten sich, boten Schlafplätze an. Gemeinschaft entstand, wo sie kaum damit gerechnet hatte.
Nun ist Leu Gast an einem Ort, an dem Pilger, Radfahrer und Touristen ankommen und weiterziehen. „Künstler sind zu Gast in Kirchen“, sagt sie. „Und Gäste sind zu Gast beim Künstler.“
Kunst im Dialog mit dem Kirchenraum
Die Klosterkirche ist mehr als historische Kulisse. Leus Figuren geraten in Beziehung zum Licht und zu den Sichtachsen. Ein Weg aus Stahl liegt als Acht auf dem Boden. Seine Linien kreuzen sich, kehren zurück. Je nach Lichteinfall entstehen Wege aus Schatten.
So leicht die Figuren erscheinen, so widerständig ist ihr Material: In ihrer Werkstatt „feuerWERK“ arbeitet Leu mit Esse, Amboss und Schmiedehammer. „Wenn ich am Amboss stehe und schmiede, dann mache ich etwas Verinnerlichtes“, sagt sie. Es gehe um den Gestus, sie arbeite „von innen nach außen“. Lebendig werden ihre Figuren nicht durch Gesichter, sondern durch Biegung, Spannung und Richtung.
Leu ist mit Kirchen groß geworden. „Ich stelle mir in solchen Räumen Fragen“, sagt sie. Amelungsborn gebe ihr Ruhe, aber keine Abgeschiedenheit. Das Kloster sei „wie ein Mini-Dorf“: Menschen kümmern sich, Besucher bleiben stehen, Gespräche entstehen.
Ausstellung endet am 27. Juni
Dann steigt Hilke Leu noch einmal die Leiter hinauf, um den Schwarm zu vollenden. Man sieht sie zwar nicht, aber man hört sie unentwegt: „Wenn ich in der Kirche bin, umgibt mich von draußen ein Orchester an Vogelstimmen.“
Hinweis zum Projekt
Das vierwöchige Artist-in-Residence-Projekt ermöglichen die Landeskirche, die Heinrich-Dammann-Stiftung, die Hans-Lilje-Stiftung, Kultur und Kirche der Evangelischen Agentur sowie der Sprengel. Für die Betreuung vor Ort sorgen Abt Dr. Stephan Schaede, Altabt Eckhard Gorka und viele weitere Mitglieder der Klostergemeinschaft.
Hilke Leu wurde 1964 in Magdeburg geboren und lebt seit 2007 in Bremerhaven. 2002 entdeckte sie die Eisenbildhauerei für sich; den Umgang mit dem Material erschloss sich die Autodidaktin weitgehend selbst. Die Ausstellung endet am 27. Juni um 16 Uhr mit einer Finissage.
Weitere Informationen: www.kloster-amelungsborn.de
Foto: Ev.-luth. Landeskirche Hannover