Holzminden (r). Es ist kurz vor Feierabend. Bei Birgit zieht sich alles vor Angst zusammen, als sie die Bürotür zur Straße kraftlos aufschiebt. Da steht er wieder, Peter, und wartet bereits auf sie. Zügig läuft sie zu ihrem Auto, ohne ihn anzuschauen. Er folgt ihr, redet ungehalten auf sie ein. Als sie keine Reaktion zeigt, beschimpft er sie wild. Birgit kennt diesen Mann gut, zu gut. Lange Zeit waren sie ein Paar gewesen, dann trennte sie sich. Seitdem, genauer gesagt seit sechs Jahren, stellt ihr Ex-Partner ihr nach, bedroht sie, stalkt sie.

Holzminden (r). Stalking kann jeden treffen, unabhängig von Geschlecht, Alter und sozialer Schicht. Es beeinträchtigt die Lebensqualität des Opfers, die psychische Gesundheit und kann im Extremfall in Gewalt ausarten. Stalking-Opfer sind oftmals auf sich allein gestellt und unsicher, wie sie gegen ihre Peiniger vorgehen sollen. Was viele Betroffene nicht wissen: Stalking ist eine Straftat. Damit Betroffene Täter überführen und rechtliche Schritte einleiten können, brauchen sie handfeste Beweise.

Die WEISSER RING Stiftung hat deshalb die App NO STALK-App entwickelt. Mit der App können Betroffene von Stalking die Handlungen des Täters mit dem Smartphone beweiskräftig sichern und dokumentieren (Fotos, Videos, WhatsApp, Sprachnachrichten). Die so gesammelten Beweismittel werden wie in einem Tagebuch gesammelt - auf einem geschützten Server in Deutschland. Die lückenlose Dokumentation der Stalking-Vorfälle ist Voraussetzung für die Einleitung rechtlicher Schritte.

Die Aufnahmen des Stalking-Opfers werden sofort verschlüsselt und in ein sicheres Rechenzentrum in Deutschland übertragen. Die Daten der Vorfälle verbleiben nicht auf dem Handy und sind so vor dem Zugriff fremder Personen geschützt. Die gesammelten Beweise können nur über die Website www.nostalk.de mit dem persönlichen Code, den der App-Benutzer bei der Anmeldung erhalten hat, entschlüsselt werden. Und dann können sie den Justizbehörden sowie der Polizei zur Verfügung gestellt werden.

Die App steht ab sofort kostenlos in den App-Stores zum Download bereit. Informationen zur Installation der App für Ihr Smartphone, zur Bedienung der App sowie umfassende Infos zum Thema Stalking finden Sie auf der Homepage www.nostalk.de. Dort stehen Ihnen unter anderem das Benutzerhandbuch sowie das Erklärvideo zur Verfügung. Natürlich stehen auch die Beraterinnen und Berater des WEISSEN RINGS Betroffenen gerne persönlich und vertraulich zur Seite. Was tun, wenn man gestalked wird? Wie kann man sich seinem persönlichen Umfeld anvertrauen? Wo findet man Hilfe? Wie genau kann der WEISSE RING bei Stalking helfen? 

Die über 3.000 ehrenamtlichen, professionell ausgebildeten Opferhelfer des Vereins stehen bundesweit zur Verfügung, auch telefonisch über das kostenlose Opfer-Telefon 116006 sowie in der Region Holzminden direkt unter 0151 55 16 46 77 oder die Onlineberatung (www.weisser-ring.de) . 

Wenn Nachstellungen das Leben einschränken

Stalking bedeutet das wiederholte Verfolgen, Nachstellen oder penetrante Belästigen einer Person. Stalking ist ein Gewaltverbrechen und hat vielfältige Erscheinungsformen. Um ihrem Opfer nahe zu kommen und den Kontakt zu ihm zu halten, zeigen sich die Stalker sehr erfindungsreich, hier noch konkret Weiteres als Beispiel. Bei Birgit fing es mit Anrufen an. Erst tagsüber, später auch nachts. Ihr Anrufbeantworter quoll über mit Liebesbeteuerungen, wüsten Bedrohungen und gemeinen Verleumdungen. Im Laufe der Zeit wurde es schlimmer und der Stalker aggressiver. Neben dem Auflauern vor ihrer Wohnung oder ihrer Arbeit, zerstach Peter achtmal ihre Autoreifen. Er hängte intime Briefe aus der gemeinsamen Zeit in der Nachbarschaft aus. Und er bedrohte sogar die Tochter. Aus Angst vor weiteren Nachstellungen zog Birgit mehrmals um. Das Gefühl, ihm schutzlos ausgeliefert zu sein, wuchs mit jedem Mal. Aber ihrem Peiniger gelang es immer wieder, sie zu finden. Leider ist diese sechsjährige Leidensgeschichte von Birgit kein Einzelfall.

Es hinterlässt Spuren an Körper und Seele

Beim Stalking denkt man oft, nur Stars und Sternchen wären betroffen. Jedoch fast zwölf Prozent aller Deutschen werden im Laufe ihres Lebens gestalkt. Betroffen sind vor allem Frauen. Die Täter sind zu 80 % Männer und kommen meist aus dem privaten Umfeld. Es sind z.B. abgewiesene Verehrer, Nachbarn oder Kollegen. In fast der Hälfte der Fälle handelt es sich sogar um ehemalige Partner. Viele von ihnen glauben, sie kämpfen um ihre ehemalige Beziehung. Dabei bemerken sie oft nicht oder wollen es nicht bemerken, dass sie den Frauen extrem zusetzen, psychisch wie physisch.

Die Folgen von Stalking sind gravierend. Sie reichen von Schlafproblemen über körperliche Symptome wie Magen-Darm-Probleme und Herz-Kreislauf-Störungen bis hin zu Suizidgedanken. Die Opfer wie Birgit W. leben permanent in Angst und leiden unter akutem Stress. Sie fühlen sich bedroht, ihre Privatsphäre und ihr Leben ist massiv eingeschränkt.

Foto: Symbolbild