Holzminden (red). Die Lage ist ernst, im Bewusstsein der Öffentlichkeit wird sie aber kaum wahrgenommen. Jahr für Jahr steigen die Fallzahlen in den bundesdeutschen Jugendämtern. Und auch im Landkreis Holzminden hat sich die Lage erheblich verschärft, worunter nicht zuletzt auch die Finanzen der Kommune in erheblichem Maße leiden. Doch Geld ist nur der letzte, wenn auch nicht unerhebliche Aspekt eines sich kontinuierlich verschärfenden gesellschaftlichen Problems. Es fehlen Einrichtungen, Pädagog*innen und – nicht zuletzt - immer häufiger die nötige Erziehungskompetenz vieler Eltern, um Situationen gar nicht erst aufkommen zu lassen, die ein Einschreiten des Jugendamtes notwendig machen. Doch sind angesichts der dramatischen Entwicklung politische Lösungen in Sicht?

Seit 2020 sind die Fallzahlen im Holzmindener Jugendamt von 832 auf 989 laufende Fälle im Mai 2022 gestiegen. Die Pandemie mag unter Umständen eine gewisse Rolle dabei gespielt haben. Aber der Umstand, dass die Zahlen schon seit fast zwei Jahrzehnten kontinuierlich nach oben gehen, spricht eher dagegen. Nicht alle dieser Fälle führen zu so drastischen Maßnahmen, dass ein Kind aus der Familie genommen werden muss. Tatsächlich gehören Inobhutnahmen eher sogar zu den Ausnahmen. Bevor es dazu kommt, versuchen die Mitarbeitenden des Jugendamtes es meist mit vielfältigen ambulanten Hilfen, im nächsten Schritt mit teilstationären oder stationären Hilfen.

Doch auch die Inobhutnahmen als letztes Mittel nehmen seit Jahren stetig zu, bei gleichzeitig immer weniger zur Verfügung stehenden Unterbringungsmöglichkeiten. Wichtigster Grund dafür: Es fehlen Sozialpädagog*innen. „Früher hat ein Kinderheim Gruppen geschlossen, weil es nicht genug Kinder dafür gab, heute schließen ganze Einrichtungen, weil es nicht genug Pädagog*innen gibt“, fasst Barbara Fahncke, Jugendamtsleiterin des Landkreises Holzminden, die Situation zusammen. 

Was das für das Jugendamt bedeutet, beschreibt Fahncke so: „Wir rufen inzwischen bis zu 50 Einrichtungen an, um einen Platz für ein Kind zu bekommen, das kostet allein schon unendlich viel Zeit“, sagt sie. Wobei die Preise für solche Plätze auch noch erheblich gestiegen seien.

Personell hat diese Entwicklung im Jugendamt natürlich schon Folgen gehabt. „Vor 15 Jahren waren wir eine Gruppe von fünf bis sechs Mitarbeitenden“, erinnert die Jugendamtsleiterin sich. Mittlerweile gibt es allein 24 Vollzeitstellen im Allgemeinen Sozialen Dienst, der sich nur um Hilfen zur Erziehung kümmert. Die Mitarbeitenden dort klagen wie überall im Land über die hohen zu bearbeitenden Fallzahlen pro Kopf. Im ganze Holzmindener Jugendamt, das auch Präventivmaßnahmen, Pflegedienste, Unterhaltsvorschüsse und vieles mehr zu organisieren hat, arbeiten inzwischen sogar 70 Kolleginnen und Kollegen.

„Das bedeutet am Ende, dass wir nicht mehr als kleines, feines Team agieren, sondern wie ein Wirtschaftsbetrieb denken müssen, der vor allem auch die Kosten mit im Blick haben muss“, stellt die für den Bereich zuständige Dezernentin und Erste Kreisrätin Sarah Humburg klar. Denn die Kosten der Jugendhilfe liegen nahezu ausschließlich bei den Trägern, also den Kommunen. Bund und Land beteiligen sich in der Regel nicht. In der Folge hat sich der gesamte Jugendamtsbetrieb des Landkreises allein in den letzten sieben Jahren mit knapp 15 Mio. Euro jährlich an Aufwendungen auf voraussichtlich fast 37 Mio. Euro in diesem Jahr um fast das Zweieinhalbfache erhöht. Wobei die Personalkosten da noch gar nicht mit eingerechnet sind, sondern nur die reinen Leistungen beinhalten.   

Über die Gründe für die Zunahme an Fallzahlen lässt sich lange und ausgiebig diskutieren. Sie sind vermutlich vielfältig und individuell unterschiedlich. Es mag am schwieriger geworden Lebensumfeld vieler Eltern liegen, an einem fehlenden klaren Werte- und Regelsystem oder an einer multimedialen Ablenkungsmaschinerie, die immer häufiger zu Vernachlässigung von Kindern führt. Doch einen groß angelegten bundesweiten Maßnahmenplan, wie man dem Problem generell effektiver begegnen könnte, fehlt. „Wir wissen, wie wichtig die Arbeit des Jugendamtes ist, auch wenn sie teuer ist“, unterstreicht Sarah Humburg. Allerdings fehle es an einem Konzept, um viel stärker in Prävention als in teure Schadensbegrenzung investieren zu können. „Dafür müsste es einheitliche Standards für Jugendämter geben, die größenunabhängig vom Bund mitfinanziert werden“, ergänzt auch Barbara Fahncke. Doch bis das soweit ist, wird es wohl noch einige Zeit und viel politisches Umdenken brauchen.

Foto: Landkreis Holzminden