Bevern (red). Wenn sich am 10. Juni im Kulturzentrum Weserrenaissance Schloss Bevern um 11 Uhr die Türen zu den Ausstellungssälen öffnen, präsentieren der Heimat- und Geschichtsverein Holzminden in Kooperation mit dem Fotografen Jörg Mitzkat faszinierende Foto-Paare: Ortsansichten aus der Region des Landkreises Holzminden – zum einen mit dem Fotografenauge Otto Lieberts aus dem Jahre 1896. In diesem Jahr ging der damalige Kreisdirektor Hermann Koken in den Ruhestand und bekam ein ganz besonderes Abschiedsgeschenk überreicht: Ein Album mit eigens angefertigten Fotoansichten aller Ortschaften im damaligen „Weserdistrikt“ des Braunschweiger Landes.

Um 1900 gab es noch nicht sehr viele, teils sogar gar keine Aufnahmen der ländlich geprägten Orte, Dörfer und Städtchen. Im Jahr 2017 unternahm dann der Fotograf Jörg Mitzkat eine Reise an alle Aufnahmeorte von Otto Liebert und schuf so je eine Vergleichsansicht. Das Ergebnis ist häufig verblüffend, spricht viel über den Wandel des Lebens im ländlichen Weserraum und lädt das Auge regelrecht zum „Abscannen“ ein nach dem Motto „Finde den Unterschied“. Soweit die Perspektive rekonstruierbar ist – denn manchmal endet sie heute auch vor gewachsenen oder gebauten Hindernissen und fordert einen Schritt zur Seite.

Der Besuch der Ausstellung verspricht also ein Eintauchen in das optische Gedächtnis der Region. Unter anderem wird dabei deutlich, dass es Gebietsreformen gegeben hat und Ortschaften enthalten sind, die heute anderen Kreisen zugeordnet sind. Das Straßenbild hat sich in 120 Jahren in vielen Ansichten enorm verändert. Die gelegentlich abgebildeten Menschen dokumentieren völlig verschiedene Lebenswelten. Die Gebäude erscheinen manchmal anders, manchmal ähnlich – oft sind sie verschwunden oder ganz neue hinzugekommen. Die Fahrzeuge sind nicht vergleichbar – die Straßen in Wegführung manchmal und in Beschaffenheit durchgängig unterschiedlich. Sozialhistorische Themen klingen in der Ansichtensammlung ebenso an wie die verschiedenen Facetten rund um die Frage „Wie entwickelt sich ein ländlichen Raum in 120 Jahren?“.

Besonders wertvoll ist es darum, dass der Verleger Jörg Mitzkat zeitgleich zur Ausstellung auch einen Bildband unter gleichem Titel herausgibt, in dem die paarweisen Ortsansichten von Bessungen bis Meinbrexen und von Lichtenhagen bis Eimen dauerhaft und seitenweise verglichen werden können. Außerdem ergänzt die Publikation um unterhaltsame und informative Texte zu den jeweiligen Aufnahmestandorten 1896 und 2017. So erfährt man etwa, dass die Aufnahme heute häufig mit einer intensiven Suche nach dem richtigen Standort verbunden war, und der Fotograf auf die Gutmütigkeit von Weidevieh oder auf einen autofreien Moment auf vielbefahrenen Straßen hoffen musste. Ganz anders sind die Umstände und Gegebenheiten für Otto Liebert 1896 gewesen, das dokumentiert etwa die gelegentlich abgebildete Kutsche, die ihn zu einigen Standorten brachte. 

Aber auch in Bezug auf das Medium Fotografie selbst lädt das Ausstellungsprojekt zur Reflektion ein. Am Eröffnungstag, dem 10. Juni um 11 Uhr setzt sich darum die promovierte Kunsthistorikerin Kerstin Stremmel mit fotohistorischen und künstlerischen Aspekten der Ausstellung in einem Vortrag auseinander. Kerstin Stremmel schreibt für wissenschaftliche Fachzeitschriften wie Camera Austria, Eikon, das Kunstforum und Photonews sowie regelmäßig für die Neue Zürcher Zeitung. Seit 2005 kuratiert sie Ausstellungen am Leopold-Hoesch-Museum in Düren, am Museum Ludwig in Köln, am Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg und am Museo Picasso in Malaga. Im Jahr 2010 hat sie das Projektmanagement des Fotofestivals „next 1“ in Essen übernommen. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Aufsätzen hat sie einige Monographien verfasst, etwa „Realismus“ (Taschen, 2004), „Louise Bourgeois. The fragile“ (Strzelecki, 2009) oder „Affinité élective“, „Die Sammlung Esther Grether“ (Hatje Cantz 2014); als Herausgeberin hat sie bei Steidl mehrere Jahrbücher zur Fotografie und „Making a book with Steidl“ betreut. Stremmels Ausführungen bieten also eine einmalige Gelegenheit, die regionale „Zeitreise“-Fotoausstellung als Kunstwerk und Dokumentationsprojekt im Kontext internationaler Fotokunstproduktion zu verstehen.

Die Ausstellung „Zeitreise in den braunschweigischen Weserdistrikt. Die Dörfer und Städte des Kreises Holzminden im Jahre 1896 und heute“ wird realisiert mit Unterstützung der Braunschweig-Stiftung, der Braunschweigischen Sparkassenstiftung und Braunschweigischen Landessparkasse, des Landschaftsverband Südniedersachsens und der Kulturstiftung des Landkreises Holzminden. Die Ausstellung ist ab dem 10. Juni bis 5. August dienstags bis sonntags sowie feiertags von 10 bis 17 Uhr geöffnet (Ausnahme: 17.06.2018 geschlossen). Der Eintritt ist frei. Nähere Informationen und weitere Hinweise zum Programm im Kulturzentrum Weserrenaissance Schloss Bevern: www.schloss-bevern.de.

Fotos: Landkreis Holzminden