Hameln (red). Ein organisatorisches Großprojekt und zugleich ein beeindruckendes Beispiel ehrenamtlicher Leistung entsteht derzeit in der Rattenfängerhalle: Am Sonntag, 26. April, öffnet die Halle nicht für Konzerte oder Musicals, sondern für die Hamelnerinnen und Hamelner, die von der Evakuierung betroffen sind und dort Zuflucht finden. Viele helfende Hände und ein hoher logistischer Aufwand sorgen dafür, dass aus einer leeren Halle in kurzer Zeit ein funktionierender Aufenthaltsort wird.
Größte Evakuierung der Nachkriegszeit
Wenn in wenigen Tagen ein Blindgänger an der „Springer Landstraße“ entschärft wird, steht Hameln vor der größten Evakuierung der Nachkriegszeit. Rund 8500 Menschen aus einem 1500-Meter-Radius um den Fundort müssen für einen Tag ihre Häuser und Wohnungen verlassen. Die Rattenfängerhalle dient dabei als zentrale Sammelunterkunft für alle, die nicht bei Freunden oder Verwandten unterkommen können. Die Planungen für diesen Tag laufen bereits seit mehreren Wochen im Hintergrund.
Ehrenamtliche schaffen Infrastruktur
Mehr als 350 Ehrenamtliche des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) verwandeln die Halle am Evakuierungstag in ein kleines Dorf auf Zeit. „Wir erwarten, dass etwa 10 Prozent der zu Evakuierenden in die Halle kommen“, erklärt Michael Bretzing, Bereichsleiter des Katastrophenschutzes des DRK. Am Eingang werden die Ankommenden begrüßt und registriert, um die Übersicht zu behalten und die Versorgung zu planen. Zudem erhalten sie Essensmarken. „Für alle halten wir eine ordentliche Mahlzeit, Getränke und kleine Snacks bereit“, so Bretzing.
Auch die benachbarte Rüdiger-Butte-Schule wird als zusätzliche Unterkunft vorbereitet und kommt zum Einsatz, wenn die Kapazitäten der Halle nicht ausreichen.
Strukturierter Ablauf für alle Bedürfnisse
Die Rattenfängerhalle wird in verschiedene Bereiche unterteilt. Ein Ruhebereich mit Feldbetten ermöglicht Rückzug und Erholung, während im Aufenthaltsbereich Sitzgelegenheiten und Verpflegung angeboten werden. „Dort wird auch ein Live-Blog zur Entschärfung angezeigt, sodass alle jederzeit auf dem aktuellen Stand bleiben können“, sagt Bretzing. WLAN steht ebenfalls zur Verfügung.
Für pflegebedürftige Menschen wird im Spiegelsaal ein separater Bereich eingerichtet, betreut durch geschultes DRK-Personal. Familien mit Kindern können einen Indoor-Spielbereich nutzen, bei gutem Wetter ist zusätzlich ein Outdoor-Bereich geplant. Auch ein Still- und Wickelraum steht bereit.
Auch Haustiere sind willkommen
Haustiere dürfen ebenfalls mitgebracht werden. In Transportboxen können sie in die Halle gelangen, für größere Hunde sind Ausnahmen möglich. Für sie ist ein eigener Bereich vorgesehen. Die Stadtverwaltung weist jedoch darauf hin, dass für unverträgliche Tiere keine gesonderten Räume bereitstehen. Die Versorgung der Tiere liegt bei den Halterinnen und Haltern.
Unterstützung durch Polizei und Stadt
Während des gesamten Einsatzes sind auch Polizeibeamtinnen und -beamte vor Ort, um Fragen zu beantworten und Sicherheit zu gewährleisten. Oberbürgermeister Claudio Griese betont die Bedeutung des Engagements: „Was hier geleistet wird, ist nur möglich, weil unzählige Menschen anpacken: mit Manpower, mit Herzblut und mit beeindruckendem ehrenamtlichem Engagement. In kürzester Zeit entsteht durch viele helfende Hände eine komplette Infrastruktur. Ich danke allen Beteiligten des Deutschen Roten Kreuzes und natürlich auch aller anderen Organisationen sehr.“
Weiter erklärt er: „Mein Dank gilt auch allen Hamelnerinnen und Hamelnern, die von der Evakuierung betroffen sind und mit Ruhe und Verständnis zum Gelingen dieses großen Einsatzes beitragen. Solche Momente zeigen, wie verlässlich unsere Stadtgemeinschaft zusammensteht.“
Dauer der Evakuierung noch unklar
Wann die Evakuierung beendet sein wird, steht derzeit noch nicht fest. Die Dauer hängt davon ab, wie schnell die Entschärfung des Blindgängers gelingt. „Sollte sich der Einsatz bis in die Nachtstunden ziehen, ist ein Ausweichplan vorbereitet“, heißt es von der Stadtverwaltung. In diesem Fall wird die nahegelegene Rüdiger-Butte-Schule als Nachtlager genutzt.
Anreise und Organisation vor Ort
Die Rattenfängerhalle befindet sich an der „Mühlenstraße 17“. Besucherinnen und Besucher können die Tiefgarage vor Ort oder den Parkplatz an der Weser nutzen. Für die Tiefgarage werden kostenfreie Ausfahrtickets bereitgestellt. Fahrradstellplätze sind ebenfalls vorhanden. Aus dem Evakuierungsgebiet fährt ein Shuttleservice die Halle regelmäßig an. Informationen zu Abfahrtszeiten und Haltestellen sind unter https://www.oeffis.de abrufbar.