Holzminden (red). Wenn Kinder oder Jugendliche Gewalt erleben, ist der Weg zur Hilfe oft nicht einfach. Angst, Scham und das Gefühl, mit der Situation allein zu sein, können dazu führen, dass Betroffene lange schweigen. Auch das Miterleben von Gewalt im eigenen Zuhause kann Kinder und Jugendliche erheblich belasten. Eine neue Beratungsstelle möchte hier ansetzen: Der Landkreis Holzminden hat mit „MUTpunkt“ ein neues Angebot für Kinder und Jugendliche initiiert, die von Gewalt oder Vernachlässigung betroffen sind oder waren – oder die sich von einer solchen Situation bedroht fühlen. Umgesetzt wird das Angebot im Auftrag des Landkreises durch den Verein für Sozialpädagogik (VfS).
Beratungsstelle bietet einen geschützten Raum
Die Beratungsstelle bietet einen geschützten Raum, in dem junge Menschen mit ihren Sorgen und Erfahrungen willkommen sind. Dabei müssen sie nicht sofort erzählen, was passiert ist. „Kinder und Jugendliche entscheiden selbst, was sie erzählen möchten und was nicht. Für uns steht zunächst im Mittelpunkt, Vertrauen aufzubauen und ihnen das Gefühl zu geben: Hier werde ich ernst genommen und hier bin ich sicher“, erklärt Nicolas Schnipkoweit als verantwortliche Fachkraft des VfS für „MUTpunkt“.
Das Beratungsangebot richtet sich an Kinder und Jugendliche, die unterschiedliche Formen von Gewalt erlebt haben. Dazu gehören körperliche und psychische Gewalt, Bedrohungen, Abwertungen und sexuelle Übergriffe ebenso wie Vernachlässigung. Auch Kinder und Jugendliche, die Gewalt zwischen Eltern, Partnern oder anderen wichtigen Bezugspersonen miterleben, können sich an die Beratungsstelle wenden.
Zuhören, stärken und gemeinsam nach Lösungen suchen
In der Beratung geht es nicht allein darum, über das Erlebte zu sprechen. Je nach Alter und Situation können Gespräche, Spiel- oder andere geeignete Angebote dabei helfen, schwierige Erfahrungen auszudrücken und gemeinsam einzuordnen. „MUTpunkt“ informiert über Gewalt und Vernachlässigung und unterstützt die jungen Menschen dabei, eigene Ideen und Strategien für den Umgang mit belastenden Situationen zu entwickeln.
Dabei steht eine Frage im Mittelpunkt: Was kann jetzt helfen, damit das Kind oder die beziehungsweise der Jugendliche wieder mehr Sicherheit und Handlungsmöglichkeiten gewinnt?
Wenn es sinnvoll und von den Betroffenen gewünscht ist, können Eltern oder andere wichtige Bezugspersonen in die Beratung einbezogen werden. Auch eine längerfristige Begleitung ist möglich. Ziel ist, gemeinsam Veränderungen anzustoßen und wieder eine gute Grundlage für ein gesundes Aufwachsen zu schaffen.
Hilfe auch für Eltern, Angehörige und das soziale Umfeld
Nicht nur betroffene Kinder und Jugendliche können sich an die Beratungsstelle wenden. Auch Eltern, Angehörige und andere Bezugspersonen können Beratung und Unterstützung erhalten, wenn sie sich Sorgen um ein Kind machen. Dazu können beispielsweise Freundinnen, Freunde oder Jugendliche aus dem Umfeld eines betroffenen Kindes gehören.
Das Angebot richtet sich zudem ausdrücklich auch an Eltern, die merken, dass sie selbst an ihre Grenzen kommen oder bereits gewalttätig gegenüber ihrem Kind geworden sind und etwas verändern möchten. Gemeinsam mit den Fachkräften können erste Schritte entwickelt und weitere Unterstützungsmöglichkeiten gesucht werden.
Beratung ist vertraulich und auf Wunsch anonym
Ein niedrigschwelliger Zugang ist der Beratungsstelle besonders wichtig. Kinder und Jugendliche können sich vertraulich und auch anonym an die Fachkräfte wenden. Nach § 8 SGB VIII haben Kinder und Jugendliche Anspruch auf Beratung ohne Kenntnis der Personensorgeberechtigten, wenn durch deren Information der Beratungszweck vereitelt würde.
„Gerade bei Gewalt und Vernachlässigung ist es häufig ein schwerer Schritt, Hilfe zu suchen. Deshalb möchten wir den Zugang so einfach wie möglich machen“, sagt Nicolas Schnipkoweit. „Manchmal ist es schon eine wichtige Unterstützung, wenn eine Vertrauensperson gemeinsam mit dem Kind oder Jugendlichen bei uns anruft oder es zu einem ersten Gespräch begleitet.“
Ein Angebot, das Vernetzung braucht
Im Vorfeld der Eröffnung hat der Verein für Sozialpädagogik Gespräche mit verschiedenen Gewaltberatungsstellen für Kinder und Jugendliche in anderen Landkreisen geführt. Dabei wurde immer wieder betont, dass viele betroffene Kinder und Jugendliche nur durch die Vermittlung von anderen Hilfeeinrichtungen und Netzwerkpartnerinnen und Netzwerkpartnern die Unterstützung durch die Beratungsstelle erhalten. Die wenigsten Kinder und Jugendlichen kommen selbstständig zu den Beratungsstellen. Um möglichst viele Kinder zu erreichen, braucht der Träger die Netzwerke und Fachkräfte anderer Hilfeleistungen als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren und besonders als Vermittlerinnen und Vermittler.
Die neue Beratungsstelle versteht sich deshalb auch als Teil des bestehenden Hilfesystems im Landkreis. Fachkräfte aus der Kinder- und Jugendhilfe, Schulen, psychosozialen Diensten und anderen Einrichtungen können sich über das Angebot informieren und bei Bedarf Kontakt aufnehmen.
Ein Baustein des Präventionspakets des Landkreises
„MUTpunkt“ ist ein Baustein eines umfassenden Präventionspakets, das der Landkreis Holzminden derzeit umsetzt und finanziert. Das Konzept verfolgt das Ziel, Kinder und Jugendliche frühzeitig vor häuslicher und sexualisierter Gewalt zu schützen und Betroffenen gezielte Unterstützung anzubieten.
„Angesichts steigender Fallzahlen ist es besonders wichtig, frühzeitig zu handeln, bestehende Versorgungslücken zu schließen und Hilfsangebote bedarfsgerecht auszubauen“, sagt Sozialdezernentin Stefanie Ahlborn. „Mit MUTpunkt schaffen wir für betroffene Kinder und Jugendliche einen Ort, an dem sie schnell und ohne hohe Hürden Unterstützung erhalten. Ich freue mich sehr, dass die Beratungsstelle nun ihre Arbeit aufnimmt und wir mit dem Verein für Sozialpädagogik einen erfahrenen Träger für die Umsetzung gewonnen haben.“
„MUTpunkt“ ist ab sofort erreichbar
„MUTpunkt“ befindet sich im WeserMedZentrum, dem ehemaligen Krankenhaus in Holzminden, im „Forster Weg 34“ und ist ab sofort telefonisch unter 05531/9486170 oder mobil unter 0151/24196823 sowie per E-Mail an
Foto: Verein für Sozialpädagogik e.V. Holenberg