Corvey (TKu). Mit einem vielseitigen Programm hat das Via Nova Kunstfest Corvey am zweiten Veranstaltungswochenende vom 4. bis 6. September erneut Musik, Literatur und Schauspiel miteinander verbunden. Die Veranstaltungen führten das Publikum von der Geschichte der Sklaverei und des Kolonialismus über tragische Liebesgeschichten bis hin zu der Frage, was Glück bedeutet und welchen Preis es haben kann. Mehrere Veranstaltungen waren ausverkauft. Den Auftakt des Wochenendes bildete am Freitagabend ein außergewöhnliches Konzert im Kaisersaal des Schlosses Corvey. Unter den historischen Wandgemälden mit den Porträts von 20 deutschen Kaisern standen vier afrikanische Sängerinnen und Sänger in farbenfroher Kleidung auf der Bühne. Gemeinsam mit zwei Musikern präsentierten sie das „Beloved Concert 2026“, das sich mit den Folgen von Sklaverei und Kolonialismus auseinandersetzte.
Das fünfköpfige Ensemble war eigens aus Südafrika angereist. Künstlerischer Leiter, Komponist und Sänger war Nhlanhla Mahlangu, als Komponist und Percussionist wirkte Tlale Makhene mit. Musikalisch trafen europäische Instrumente wie Kontrabass und Bassgitarre auf afrikanische Trommeln und mehrstimmigen Gesang. Im Mittelpunkt stand der Roman „Beloved“ der amerikanischen Schriftstellerin Toni Morrison, der 1987 erschien und sich mit den physischen und psychischen Folgen der Sklaverei beschäftigt. Morrison war die erste afroamerikanische Literaturnobelpreisträgerin. Auszüge aus dem Werk wurden in einer Textfassung von Brigitte Labs-Ehlert von der Schauspielerin Martina Gedeck gelesen und gespielt.
Die eigens für das Programm entstandenen Songs und Kompositionen wurden in Corvey erstmals öffentlich aufgeführt. Die Sängerinnen und Sänger verbanden mehrere afrikanische Sprachen mit rhythmisch geprägten Gesängen, Bewegungen und dramatischen Ausdrucksformen. Stampfende Füße, weit ausholende Armbewegungen und ein abschließender Rundtanz prägten die Aufführung. Gedeck wurde dabei selbst Teil der musikalischen und tänzerischen Inszenierung. Das Publikum im ausverkauften Kaisersaal reagierte mit lang anhaltendem und kräftigem Applaus.
Am Samstagvormittag führte eine Exkursion die Festivalbesucher zum Damenstift Fischbeck an der Weser. Das im Jahr 955 gegründete Stift besitzt eine besondere Verbindung zur Geschichte Corveys. Die Kanonissinnen von Fischbeck hatten sich im 12. Jahrhundert erfolgreich gegen eine Übernahme durch das Kloster Corvey gewehrt. Damit steht die Geschichte des Stifts auch für den Versuch von Frauen, ihre Eigenständigkeit innerhalb der damaligen gesellschaftlichen und kirchlichen Strukturen zu bewahren.
In der Stiftskirche gastierten anschließend die international bekannten Tallis Scholars unter der Leitung ihres Gründers und Dirigenten Peter Phillips. Das zehnköpfige A-cappella-Ensemble präsentierte ein musikalisches Spektrum, das vom 11. bis zum 20. Jahrhundert reichte. Werke von Hildegard von Bingen bis Arvo Pärt standen auf dem Programm. Ergänzt wurde das Konzert durch Lesungen von Marina Galic und Jens Harzer. Im Mittelpunkt stand die Geschichte von Abaelard und Heloise, die als eines der berühmtesten Liebespaare des Mittelalters gelten. Die besondere Akustik der Stiftskirche verlieh dem klaren und vielstimmigen Gesang zusätzliche Wirkung. Auch diese Veranstaltung war ausverkauft.
Am Samstagabend kehrte das Festival nach Corvey zurück. Luise von Stein und Hanno Koffler widmeten sich in ihrer Lesung der Beziehung zwischen dem Dichter Clemens Brentano und Auguste Bußmann. „Requiem für eine romantische Frau“ erzählt von einer Ehe, die an den gesellschaftlichen Konventionen des 19. Jahrhunderts zerbrach. Auguste Bußmann, eine selbstbewusste und eigenständige junge Frau, blieb in der Literaturgeschichte lange weitgehend im Schatten ihres berühmten Mannes. Nach dem Scheitern der Ehe und einer weiteren Ehe nahm sie sich später das Leben. Musikalisch wurde die Lesung von Werken Ludwig van Beethovens, Johannes Brahms’ und Franz Schuberts begleitet. Besonders Beethovens „Appassionata“ setzte einen musikalischen Schwerpunkt. Am Klavier war der junge Beethoven-Spezialist Fabian Müller zu hören. Lesung und Musik ergänzten sich zu einer Aufführung, die vom Publikum mit großem Beifall aufgenommen wurde.
Den Abschluss des zweiten Kunstfest-Wochenendes bildete am Sonntag eine Matinee. Der Dichter Nico Bleutge stellte in einer Korrespondenz-Lesung die amerikanische Schriftstellerin Ursula K. Le Guin und ihre Erzählung „Im Labyrinth“ aus dem Jahr 1960 vor. Dabei ging es um die Frage nach dem Glück und dessen möglichen Voraussetzungen.
Schauspieler Ulrich Noethen las zwei Erzählungen. Besonders eindringlich war die Geschichte eines eingesperrten und misshandelten Kindes, von dessen Existenz die Bewohner einer Stadt wissen, das sie jedoch nicht befreien. Das Leiden des Kindes bildet zugleich die Voraussetzung für das Glück der übrigen Gemeinschaft. Damit stellte die Erzählung eine grundlegende moralische Frage: Kann individuelles oder gemeinschaftliches Glück gerechtfertigt werden, wenn es auf dem Leid anderer beruht? Bleutge verwies zudem auf die Musik als eine weitere Form des Glücks. Der Cellist Alban Gerhardt und der Pianist Markus Becker griffen diesen Gedanken musikalisch auf. Werke von Arvo Pärt, Leoš Janácek, Gabriel Fauré und Robert Schumann bildeten das Programm der Matinee. Mit begeistertem Beifall verabschiedete das Publikum die Künstler und damit das zweite Wochenende des Via Nova Kunstfestes.
Für das kommende Wochenende vom 11. bis 13. September sind nach Angaben des Veranstalters noch Restkarten für alle Veranstaltungen erhältlich. Auf dem Programm stehen unter anderem die Schauspielerinnen Barbara Nüsse, Constanze Becker, Saskia Rosendahl und Johanna Wokalek, die Pianistin Alice Sara Ott, das Ensemble HfM-Percussion, das Detmolder Kammerorchester, das Ensemble SPARK und der Countertenor Valer Sabadus. Darüber hinaus gibt es am 11. September ein besonderes Angebot im Rahmen der sogenannten Carte blanche: Für Jugendliche und Erwachsene bis 25 Jahre steht ein kostenfreies Kartenkontingent zur Verfügung. Eine vorherige Platzreservierung ist erforderlich.
Foto: Thomas Kube