Salzderhelden (red). Wer den Leinepolder in diesen Tagen besucht, wird vielleicht zunächst überrascht sein. Das beeindruckende Vogelkonzert des Frühjahrs ist weitgehend verklungen. Wo im Mai und Juni Rohrsänger, Grasmücken und andere Singvögel den Tag lautstark begrüßten, ist es nun deutlich ruhiger geworden. Doch die vermeintliche Stille täuscht. Gerade jetzt beginnt für Naturbeobachter eine der interessantesten Zeiten des Jahres.
Warum die Singvögel jetzt schweigen
Die meisten heimischen Singvögel haben ihre Brut inzwischen abgeschlossen. Der Gesang, der vor allem der Revierverteidigung und der Partnersuche diente, wird nicht mehr benötigt. Hinzu kommt die Mauser: Das alte Gefieder wird erneuert – ein energieaufwendiger Prozess, während dessen sich viele Vögel unauffällig verhalten und das schützende Dickicht bevorzugen.
An den Gewässern des Leinepolders herrscht dagegen weiterhin reges Leben. Graugänse führen ihre inzwischen fast flüggen Jungen über die Wasserflächen, Höckerschwäne ziehen mit ihren Familien ihre Bahnen und bei Blässhühnern lässt sich noch beobachten, wie die Jungvögel ihre Eltern lautstark um Futter anbetteln. Auch die Weißstörche sind jetzt mit der Aufzucht ihres Nachwuchses beschäftigt. Junge Störche haben bereits ihren ersten Ausflug absolviert und suchen selbstständig nach Nahrung.
Spannende Beobachtungen an Gewässern und Wiesen
Über den Schilfflächen und Feuchtwiesen kreisen regelmäßig Rotmilane auf der Suche nach Beute. Silberreiher gehören inzwischen fast zum gewohnten Bild des Leinepolders und sind mit etwas Geduld häufig bei der Nahrungssuche in den Flachwasserbereichen zu beobachten. Immer wieder überraschen auch Eisvögel mit ihrem pfeilschnellen Flug entlang der Gewässer.
Während die meisten Brutvögel ihre Jungen noch versorgen, beginnt für andere Arten bereits die Reise in Richtung Süden. Was viele nicht wissen: Der Vogelzug startet nicht erst im Herbst. Schon Ende Juli treffen die ersten Watvögel aus ihren nördlichen Brutgebieten im Leinepolder ein. Je nach Wasserstand können Flussuferläufer, Waldwasserläufer und Grünschenkel auf den Schlammflächen rasten und nach Nahrung suchen. Mit jedem Tag steigt nun die Wahrscheinlichkeit neuer Beobachtungen – eine spannende Zeit für alle, die regelmäßig mit Fernglas oder Spektiv unterwegs sind.
Rücksicht ist während der Mauser besonders wichtig
Für Enten, Gänse und Schwäne ist jetzt außerdem Mauserzeit. Während sie ihre Schwungfedern erneuern, sind sie für einige Wochen flugunfähig und auf störungsarme Gewässer angewiesen. Gerade deshalb ist Rücksichtnahme besonders wichtig. Wer auf den zugelassenen Wegen bleibt und Hunde anleint, hilft mit, dass die Tiere diese sensible Phase ungestört überstehen.
Der Leinepolder zeigt sich in dieser Jahreszeit von einer ganz eigenen Seite. Er ist nicht mehr von den Stimmen des Frühjahrs geprägt, sondern vom Familienleben der Brutvögel und den Vorboten des Herbstzuges.
Führungen der Naturscouts und Ausblick auf den Herbstzug
Wer die faszinierende Vogelwelt des Leinepolders näher kennenlernen möchte, hat dazu bei den Naturscouts Leinetal Gelegenheit. Die ehrenamtlich tätigen Naturscouts bieten auf Anfrage Führungen durch das abwechslungsreiche Vogelschutzgebiet an und vermitteln spannende Einblicke in die Tier- und Pflanzenwelt dieser einzigartigen Landschaft.
Schon jetzt lohnt sich außerdem ein Blick auf das Veranstaltungsprogramm: Ab Ende Oktober beginnen wieder die öffentlichen Führungen zum herbstlichen Vogelzug, wenn Tausende Zugvögel im Leinepolder rasten und sich eindrucksvolle Naturbeobachtungen bieten. Weitere Informationen finden Interessierte unter www.naturscouts-leinetal.de.
Foto: Andreas Ständer

