Fürstenberg (red). Nackte Körper, zärtliche Umarmungen, provokante Posen: Die europäische Porzellankunst ist reich an erotischen Motiven und Botschaften. Die neue Sonderausstellung „Der edle Akt. Porzellan und Erotik“ im Museum Schloss Fürstenberg lädt dazu ein, die sinnlichen und gesellschaftlichen Bedeutungen von Porzellan genauer zu betrachten.
Seit dem Rokoko zählen Erotik, Sexualität und Geschlechterbilder zu festen Bestandteilen der europäischen Porzellankunst. Mal zart angedeutet, mal überraschend deutlich zeigen Figuren und Dekore, wie eng Lust, Begehren und gesellschaftliche Normen miteinander verbunden waren. Häufig verbargen sich erotische Motive hinter mythologischen Szenen, allegorischen Figuren oder höfischen Liebespaaren – blieben für ein eingeweihtes Publikum jedoch klar erkennbar.
Porzellan eröffnete dabei einen besonderen künstlerischen Spielraum: Serien antiker Götter erlaubten die Darstellung nackter Körper, galante Paare feierten das Ideal höfischer Liebe, Schäferszenen romantisierten diese Bildwelt. Beliebt waren auch Figuren der Commedia dell’arte, die mit Humor, Überzeichnung und spielerischer Regelverletzung Lust inszenierten.
Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts veränderte sich der Blick. Aufklärung und Klassizismus verdrängten die zunehmend als frivol empfundenen Liebesmotive. An ihre Stelle traten strengere Schönheitsideale nach antikem Vorbild. Porzellan verlor in den Augen vieler Kritiker an künstlerischem Anspruch – und damit auch einen Teil seiner erotischen Offenheit.
Der Blick auf das 18. Jahrhundert als „galantes Zeitalter“ entstand erst später, als Porzellan im 19. Jahrhundert verstärkt kunsthistorisch erforscht wurde. Die sinnliche, verspielte Formsprache des Rokoko galt nun als besonders passend für das Material Porzellan und prägte nachhaltig das Bild dieser Epoche. Diese Neubewertung beeinflusste nicht nur die Wahrnehmung des Publikums, sondern auch die Programme der Porzellanmanufakturen. Historische Motive wurden aufgegriffen, weiterentwickelt und mit zeitgenössischen Strömungen wie Jugendstil und Symbolismus verbunden. So blieb die Bildwelt des Rokoko präsent – immer wieder neu interpretiert und bis ins 20. Jahrhundert hinein lebendig.
Die Ausstellung „Der edle Akt. Porzellan und Erotik“ zeigt in vier Ausstellungsbereichen diese Entwicklung ebenso wie die überraschende Vielfalt erotischer Ausdrucksformen im Porzellan: zwischen Andeutung und Provokation, Sinnlichkeit und gesellschaftlicher Konvention.
Körperbilder in der Alten Kapelle
In der Alten Kapelle ist zu sehen, wie der menschliche Körper vom 18. Jahrhundert bis heute dargestellt wurde und wird. Die Schönheitsideale der jeweiligen Epoche lassen sich dabei ebenso ablesen wie Vorstellungen von geschlechtlichen Identitäten und damit verbundene Rollenerwartungen. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein dominierten Darstellungen idealisierter Körper weißer Menschen aus einer binären, heteronormativen Perspektive. Dieser Ausstellungsteil lädt dazu ein, heutige und eigene Körperbilder zu hinterfragen.
Facetten von Lust und Liebe im Gerverot-Saal
Zarte Verliebtheit, inbrünstige Liebe, wilde Ekstase, rasende Lust und todtraurige Sehnsucht: Begehren kennt viele Gefühlsregungen. Zwischen Liebesglück und Liebesleid zeigt sich Lust als zutiefst menschliche Eigenschaft. In der Vergangenheit bestimmte dabei häufig ein heteronormativer und vorrangig männlicher Blick die Kunstproduktion. Mit Werken der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit rückt die Ausstellung die Vielfalt der Lust in den Mittelpunkt.
Materialerotik im Foyer vor der Besucherwerkstatt
Das Wort „Porzellan“ weckt viele Assoziationen – auch mit erotischem Bezug. Die „Porzellanhaut“ beschreibt ein Schönheitsideal, als „Porzellanpuppe“ wird ein bestimmter Frauentyp bezeichnet. Die Ausstellung fragt außerdem danach, warum Porzellan häufig als „weibliches“ Material gilt. Thematisiert wird auch der praktische erotische Gebrauch, etwa wenn aus Porzellan Sextoys gefertigt werden.
Sammellust in der Besucherwerkstatt
Auch das Sammeln lässt sich erotisch deuten: als lustvolle Jagd nach einem Objekt der Begierde und als Glücksgefühl beim erfolgreichen Erwerb. Für Sigmund Freud war Sammeln eine Kompensation unerfüllter sexueller Wünsche. In diesem Ausstellungsbereich werden drei historische Sammlerpersönlichkeiten vorgestellt: August der Starke, Madame de Pompadour und Rudolf Just. Für sie hatte der Besitz von Porzellan jeweils unterschiedliche, aber stets auch lustvolle Bedeutung. Zudem bietet die Inszenierung einer kompletten Privatsammlung einen Blick „inside the head of a collector“ auf Grundlage neuer US-amerikanischer Forschung in der Neuropsychologie.
Die Ausstellung „Der edle Akt. Porzellan und Erotik“ wird gefördert von der Kulturstiftung der Länder, dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, der Porzellanmanufaktur FÜRSTENBERG, der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, der Braunschweigischen Sparkassenstiftung, der Stiftung Niedersachsen, der Braunschweigischen Stiftung, der Renate Ahrens Stiftung, der Stiebel Familienstiftung und dem Freundeskreis Fürstenberger Porzellan e. V. Die Firma Light IT unterstützt die Ausstellung mit innovativen Beleuchtungslösungen.
Die Sonderausstellung ist bis zum 20. Dezember 2026 im Museum Schloss Fürstenberg zu sehen. Begleitet wird sie von einem umfangreichen Rahmenprogramm mit Aufführungen, Lesungen, Konzerten, einem queeren Poetry Slam und weiteren Formaten. Damit steht die Museumssaison 2026 im Zeichen der Ausstellung und eröffnet immer wieder neue Perspektiven auf Porzellan, Erotik und gesellschaftliche Körperbilder.
Foto: Maria Athens